Das „industrielle Töten“ im Ersten Weltkrieg

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Betrachte das Foto aus dem Jahr 1918 und bearbeite die folgenden Aufgaben:

1. Beschreibe das Bild und versuche es in seinen historischen Kontext zu setzen?

2. Was ist mit den Soldaten vermutlich passiert? Worauf warten sie?

3. Versuche Dich, in die Gedanken eines dieser Soldaten hineinzuversetzen. Woran denkt er im Moment? Wie fühlt er sich? Wie würdest Du Dich in dieser Situation fühlen?

 

Industrialisierter Krieg – Gaskrieg

Auf dem Foto, mit dem Du Dich gerade beschäftigt hast, sind britische Soldaten zu sehen, die nach einem Giftgaseinsatz an der Westfront (1918 Flandern, Belgien) zeitweise erblindet sind. Es sind Opfer einer neuartigen Waffe, die im Ersten Weltkrieg erstmals flächendeckend und massiv eingesetzt wurde: dem Giftgas.

Deutschland hatte gemeinsam mit den anderen internationalen Großmächten im Jahr 1899 die Haager Landkriegsordnung unterzeichnet und sich damit verpflichtet keine chemischen Kampfstoffe im Kriegsfall einzusetzen. Dies hinderte aber weder Industrielle noch Wissenschaftler und Militärs chemische Waffen zu erforschen und zu entwickeln.

Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie war Fritz Haber, ein renommierter der Chemiker, der aktiv die Entwicklung von chemischen Kampfstoffen förderte. 1914 begründete er die Entwicklung von Giftgas folgendermaßen:

„Der menschliche Körper mit seinen 2 qm Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn  die fliegenden Eisenteile nicht erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie diesen Zustand vorauszusehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der Technik möglich macht. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“

gasbattalion Der erste Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg fand am 22. April 1915 in der Nähe der kleinen belgischen Stadt Ypern statt. Die deutsche Armee ließ 180 Tonnen Chlorgas auf einer Breite von sechs Kilometern durch den Wind in die Richtung der gegnerischen Stellungen treiben. Das Gas entströmte aus 5.000 Stahlflaschen, die ein extra geschaffenes „Gasbataillon“ Tage zuvor eingegraben hatte. Die Giftwolke bewegte sich langsam aber stetig auf die französischen Gräben zu. Die Folgen waren schrecklich: Allein an diesem Tag starben ca. 1.200 alliierte Soldaten aufgrund des Gaseinsatzes, 3.000 Männer überlebten, blieben aber zum Teil ihr ganzes restliches Leben geschädigt!

Geplant und erarbeitet wurde dieser erste massive Giftgaseinsatz von Fritz Haber. Er empfahl ein Gas, das die Luftröhre und Lunge verätzte. Ein Überlebender der Gas-Hölle von Ypern beschrieb das Gefühl nach der Einatmung des Gases: „Es war als kotze man seine Lunge stückweise aus!“ (Foto: Zwei deutsche Soldaten mit Maschinengewehr und Gasmaske, Westfront).

In der Folgezeit setzten alle kriegführenden Länder Giftgas ein, so begann Frankreich nun Giftgas mit Artilleriemunition hinter die feindlichen Linien zu schießen – so konnten die Nachteile des Gaseinsatzes (Abhängigkeit von der Windrichtung, Risiken für die eigenen Soldaten) reduziert werden. Alle Länder versuchten zudem eifrig noch gefährlichere Giftgase zu entwickeln. Deutschland setzte bald neue Giftstoffe ein. Grünkreuz schädigte die Lungen nachhaltig und war für 80% aller tödlichen Gasverletzungen verantwortlich, Gelbkreuz war in der Lage Leder und andere Textilien zu durchdringen, Blaukreuz konnte den Atemfilter durchdringen und zwang den Soldaten die Schutzmaske abzunehmen. Sehr oft wurden die Kampfstoffe – „Maskenbrecher“ genannt – miteinander kombiniert. Folge von Atemnot und Hustenreiz waren Erstickungsanfälle, die oft zum Tod bei vollem Bewusstsein führten. Typisch war, dass nach dem Abreißen der Gasmaske sofort ein todbringendes Gas eingesetzt wurde, im Militärjargon wurde diese Praxis „Buntschießen“ genannt.

Obwohl alle Kriegsnationen Giftgas einsetzten, traf Deutschland bei der Durchsetzung von Giftgas als Waffe im Ersten Weltkrieg eine besondere Verantwortung: Deutschland benutzte doppelt so viel Giftgas wie Frankreich, drei- bis viermal so viel wie Großbritannien und circa zehnmal so viel wie z.B. Italien. Die Bilanz des Giftgaseinsatzes ist verheerend: An der Westfront starben ca. 20.000 Menschen, die getöteten russischen Soldaten könnten ca. 50.000 gewesen sein. Ungefähr 500.000 Soldaten wurden schwer geschädigt. Insgesamt schätzt man die Zahl der Todesopfer durch Giftgas im Ersten Weltkrieg auf 90.000, eine Zahl, die angesichts der Millionen von Opfern „gering“ erscheint.

Die psychologischen Folgen des Giftgaseinsatzes sind jedoch nicht zu unterschätzen: Die Wirkung von Giftgas war unheimlich und für die betroffenen Einheiten extrem demoralisierend. Zudem zeigt Giftgas den radikal neuen Charakter des industrialisierten Maschinenkriegs: Der Wert der menschlichen Existenz war auf dem Niveau von „Ungeziefer“ angekommen.

 

Fragen und Arbeitsaufträge:

1. Wie argumentiert der deutsche Wissenschaftler Fritz Haber um den Einsatz von Giftgas zu rechtfertigen? Welches Weltbild wird hier deutlich?
2. Beschreibe den Verlauf und die Folgen des Giftgaseinsatzes von Ypern!
3. Die deutschen Militärs benutzten Wörter wie „Buntschießen“, „Grünkreuz“ oder „Maskenbrecher“. Kläre die Bedeutung dieser Begriffe. Welchen Eindruck hinterlassen diese Wörter?
4. Wie viele Soldaten sind Opfer von Giftgas geworden, warum erscheinen diese Opferzahlen „gering“?
5. Welche besondere Verantwortung trägt das Deutsche Reich hinsichtlich des Einsatzes von Giftgas?
6. Nenne die verheerenden psychologischen Folgen des Giftgaseinsatzes!

 

 

 

Giftgas an der Isonzofront – Die Schlachten am Isonzo

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1915 erklärte das Königreich Italien der österreichisch-ungarischen Monarchie den Krieg (Foto: Österreichische Stoßtruppen bei einem Angriff im Jahr 1917). Das Ziel Italiens war es möglichst alle von Italienern besiedelte Territorien des Habsburgerreiches zu erobern und in den italienischen Nationalstaat zu integrieren.

In Wien befürchtete man, dass der Kriegseintritt Italiens den Todesstoß für die Donaumonarchie bedeuten könnte. Doch trotz größter militärischer Anstrengungen gelang es den italienischen Heereskräften weder in Südtirol noch am Isonzo durchzubrechen und die österreichisch-ungarischen Truppen entscheidend zu schlagen. Die Ziele Trient und Triest wurden nicht erreicht.  Dennoch kostete der Abnutzungskrieg am Isonzo Italiener wie Österreicher Hunderttausende Menschen.

Nach elf verlustreichen Schlachten schien Italien im Herbst 1917 seinen Zielen näher zu kommen (Foto rechts: Ausheben eines Schützengrabens in Lucinico/ Görz). Die Krisensymptome im Innern des Habsburgerreiches verschlimmerten sich: Der Nationalitätenkonflikt wurde erbitterter ausgeführt, der Nachschub an Soldaten und Materialien konnte immer weniger garantiert werden und erste kleinere Streiks signalisierten die angespannte Lage in der Heimat. Zudem haben sich die halbherzigen Bemühungen um einen Waffenstillstand oder Sonderfrieden zerschlagen. isonzo3In dieser Situation fiel die Entscheidung mit deutscher Hilfe eine Entlastungsoffensive an der Isonzofront durchzuführen. Österreich-Ungarn hätte gerne auf die „demütigende“ deutsche Hilfe verzichtet, die offen zeigte, dass man nicht mehr in der Lage war den Italienern standzuhalten. Zudem musste ein Einsatz von deutschen Truppen fast automatisch stärkere Bemühungen auch der alliierten Unterstützer Italiens provozieren. Die deutsche Oberste Heeresleitung und hier vor allem General Ludendorff wiederum hatten Angst, dass Österreich-Ungarn militärisch und politisch zu schwach werden würde und womöglich aus dem Krieg ausscheiden könnte. So könnte eine Stabilisierung der Front dem Bündnispartner einen Vorwand für einen eventuellen Kriegsaustritt nehmen.

 

Inzwischen hatte die Revolution in Russland das damit verbundene relative Kriegsende an der Ostfront Separatfrieden von Brest-Litowsk) sowohl österreichisch-ungarische wie auch deutsche Truppen frei werden lassen. Das k.u.k. Armeeoberkommando wollte das dazu nützen, um die eigene Abwehr gegen Italien zu stärken. Doch die Deutsche Oberste Heeresleitung verfolgte ein weiter gestecktes Ziel und bot Österreich eine komplette deutsche Armee an, um an der Italienfront eine Entlastungsoffensive zu führen. Die Operation erhielt den Decknamen ‚Waffentreue’. Der Aufmarsch der verbündeten Truppen blieb zwar nicht geheim, doch die Italiener glaubten sich stark genug, um auch den Angriff einer großen Heeresmacht auszuhalten (Foto: Vorbereitung eines Gasangriffs an der Westfront).

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Am 24. Oktober 1917 begann schließlich jenes militärische Unternehmen, das als 12. Isonzoschlacht, die Durchbruchsschlacht von Flitsch-Tolmein, das Wunder von Karfreit oder auch die Katastrophe von Caporetto bekannt wurde. Innerhalb weniger Tage gelang es den österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen nach einem verheerenden Einsatz von Giftgas, die italienischen Linien zu überrennen. Die Italiener mussten ihre Stellungen am Isonzo aufgeben; sie gingen über den Fluss Tagliamento zurück, eine Armee wurde aufgerieben und eine zweite Armee schwer dezimiert. Erst Anfang Dezember kam die Offensive am Piave zum Stillstand, da dank britischer und französischer Truppenhilfe die Italiener die Front stabilisieren konnten. Doch wenige Monate später wendete sich das Blatt erneut: Genau ein Jahr nach dem Beginn der 12. Isonzoschlacht begannen die italienischen  und die mit ihnen verbündeten Truppen ihre letzte Offensive. Da sich die Habsburgermonarchie bereits jedoch in Auflösungserscheinungen befand, konnten die Italiener ohne größeren Widerstand weite Teile Nordostitaliens zurückerobern. Am 3. November 1918 wurde in der Nähe von Padua der Waffenstillstand geschlossen, der die militärische Niederlage Österreich-Ungarns besiegelte.

Fragen und Arbeitsaufgaben:

  1. Warum trat Italien 1915 in den Krieg ein?
  2. In welchem Zustand befand sich Österreich-Ungarn nach der 11. Isonzoschlacht?
  3. Welche Entwicklung erlaubte die Verlegung von Truppen an die Isonzofront?
  4. Warum war die Entlastungsoffensive von Karfreit für das Deutsche Reich militärisch-politisch von großer Bedeutung?
  5. Warum konnte Italien ein Jahr später das verlorene Territorium ohne größere Anstrengungen wieder zurückerobern?
  6. „Durchbruchsschlacht“; „Wunder“; „Katastrophe“: Die Schlacht von Karfreit hat viele Beinamen. Welche Seite benutze welchen Begriff? Erkläre die Gründe!

 

 

 

Der Einsatz von Giftgas an der Isonzofront

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Giftgas wurde auch schon vor dem Erscheinen der deutschen Truppen am Isonzo eingesetzt. Ab Sommer 1916 führte die k.u.k.-Armee „Blasangriffe“ (Foto: „Blasangriff“ an der Westfront) durch. Zuvor hatte man Kaiser Franz Joseph – ein Gegner des Giftgases – überlistet und gemeldet, dass angeblich die Italiener zuerst Gas eingesetzt hätten. An der Westfront hatte man zu dieser Zeit jedoch schon schrecklichere Giftgase entwickelt und eingesetzt, so z.B. Senfgas, das als Kontaktgift die Kleidung zersetzte und oft zur Erblindung führte.

Berühmt-berüchtigt war der Gasangriff vom 29. Juni 1916 auf der Karsthöhe San Michele, nördlich der umkämpften Stadt Görz. 3.000 Behälter gefüllt mit Phosgen wurden von der österreichisch-ungarischen Armee vorbereitet und im Morgengrauen des 29. Juni 1916 dank der Hilfe eines leichten Windes in die Richtung der italienischen Stellungen getrieben. Die Folgen waren schrecklich. Der Feldwebel Valentino Righetti berichtete, dass er in der Nacht den komplett geräuschlosen Schützengraben erreicht und sich gewundert hätte, dass alle Soldaten auf ihren Posten waren, jedoch alle eingeschlafen seien. Am nächsten Morgen konnte er das Ausmaß der Katastrophe überblicken: Hunderte von Männern waren am Tag zuvor innerhalb von Minuten gestorben.

Die italienischen Soldaten versuchten sich vergeblich mit Gasmasken zu schützen, doch zu diesem Zeitpunkt im Sommer 1916 hatte nur das deutsche Heer funktionierende Masken einsetzen können. Der Giftgaseinsatz hatte jedoch auch für die ungarischen Soldaten (An der Isonzofront kamen in der Regel ungarische Soldaten zum Einsatz) der k.u.k.-Armee verheerende Folgen: Da sich der Wind drehte, kehrte ein Teil der giftigen Gaswolke zurück. Viele Soldaten der Donaumonarchie wurden vergiftet und getötet. Der Angriff vom 29. Juni kostete ca. 2.000 italienischen Soldaten das Leben, ca. 5.000 erlitten Vergiftungen. Die österreichisch-ungarische Seite verlor 250 Soldaten und zählte fast 1.500 Soldaten mit Vergiftungen.

Die Vorbereitung der geplanten großen Entlastungsoffensive im September 1917 gestaltete sich sehr schwierig.Tausende Züge mussten Soldaten und Kriegsmaterialien in die Ausladeräume transportieren. Von dort ging es im Fußmarsch an die Front am oberen Isonzo. Millionen Granaten und Kriegsmittel mussten transportiert werden, zusätzliche 100.000 Mann mussten versorgt werden. Obwohl den Soldaten aus Angst vor Verrat keine konkreten Informationen mitgeteilt wurden, konnte man leicht verstehen, dass eine Offensive geplant war: Erstmals wurden Helme an alle Soldaten verteilt, die obligatorischen Postkarten mit dem Vordruck „Ich bin gesund und mir geht es gut“ wurden in allen Hauptsprachen der Monarchie verteilt und der Artillerie wurden Giftgasgranaten zugeschoben. (Foto: Italienische Gefangene in Cividale del Friuli nach der Schlacht von Karfreit)

Die deutschen Truppen wollten eine Kriegstechnik einsetzen, die bereits an der Westfront für Schrecken gesorgt hat: Gaswerfen. Mit Hilfe von Gasminenwerfern sollten die feindlichen Positionen mit Gas überschüttet werden. Das zu verwendende Gas war für die Isonzofront neu, obwohl die österreichisch-ungarischen Truppen auch zuvor bereits B- und C- Kampfstoffe verschossen hatten. Das von den Deutschen mitgebrachte Gas waren die sogenannten „Grünkreuz“ (Diphosgen) und „Blaukreuz“ (Chlorasen)-Giftgase. Das Blaukreuz zwang die Italiener die Gasmasken abzunehmen, da das Gas die Filter durchdringen konnte und unstillbaren Brechreiz erzeugte. War man nun ohne Maske, reichten geringe Mengen von „Grünkreuz“-Gasen um Lungenödeme zu verursachen, die Lungen zu zersetzen und einen Menschen ersticken zu lassen.

Der Angriff bei Karfreit begann am 24. Oktober 1917 um 02:00 Uhr nachts. Das Feuer der Artillerie und das Gasschießen begann. Major Graf von Pfeil und Klein-Ellguth beschrieb die Wirkung des Gasangriffs folgendermaßen:

„Bereits 1015 vorm. wurden die Schluchten vollkommen gasfrei angetroffen und eine vollkommene Gaswirkung festgestellt. Nur vereinzelte noch lebende, schwer kranke Italiener wurden aus der vordersten feindlichen Stellung zurückgebracht, in der Schlucht selbst war die gesamte Besatzung, etwa 5600 Mann, tot. Nur wenige hatten die Masken aufgesetzt, die Lage der Toten ließ auf plötzlichen Gastod schließen. Es wurden auch verendete Pferde, Hunde und Ratten gefunden.“

Auch abwärts vom Isonzo bis in den Raum Tolmein hinein wurden Italiener Opfer des menschenverachtenden Gaseinsatzes, das in der Militärsprache „Buntschießen“ genannt wurde: Grünkreuz, Blaukreuz, Grünkreuz, Blaukreuz…

Bereits nach 24 Stunden konnten die Deutsch und Österreicher zahlreiche italienische Stellungen einnehmen, einen weiteren Tag später hatte man die italienischen Truppen  bereits in die Ebene zurückgedrängt. Der italienische Rückzug endete schließlich erst beim Fluss Piave, wo französische und britische Soldaten halfen die Front zu festigen. (Foto: Italienische Zivilbevölkerung auf der Flucht nach der Niederlage von Karfreit).

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Die Offensive wurde offiziell am 2. Dezember beendet, auch weil die Versorgung der vorgedrungenen Einheiten nicht mehr garantiert werden konnte. Auch die „Sieger“, die Soldaten der k.u.k.-Armee waren am Ende ihrer Kräfte. Der Zeichner Ludwig Hesshaimer beschrieb die österreichisch-ungarischen Soldaten mit den folgenden Worten:

„Abgezehrte österreichische Soldaten in abgerissenen, schmutzgetränkten Uniformen, ohne Wäsche darunter, die stieren Blicke aus geröteten Augen ins Vorfeld gebohrt – so keuchten und hasteten sie vorwärts, ohne Rast, ohne Schlaf, ohne Nahrung – seit Tagen – nur vorwärts, vorwärts. Einst eine Schar blühender Jünglinge, nun gealterte, ausgemergelte Männer, schwer beladen und gebückt, ein Zeltblatt über den Kopf gezogen als dürftigen Schutz gegen Sturm und Regen, groteske Gestalten. Die erbitterten, bis zum Wahnsinn überanstrengten Österreicher waren von ihren Offizieren nicht mehr zu halten. Am Abend lagen die Kämpfer unter und zwischen den Toten, selbst halbtot, schliefen stöhnend und verkrampft den Kämpfen des neuen Tages entgegen.“

Nach dem im Januar 1918 abgeschlossenen Abzug der deutschen Kräfte, dauerte die militärisch gesehen positive Phase für Österreich-Ungarn nur kurze Zeit: Die USA hat der Habsburgermonarchie den Krieg erklärt und in den heimatlichen Territorien herrschte extremer Mangel, da man zuvor alle verfügbaren Lokomotiven und Waggons für den Nachschub an die Front benutzt hatte. Für die Zivilbevölkerung blieben so kaum Kohlen und Kartoffeln, Kälte und Hunger bestimmten das Bild in der Donaumonarchie. So verschwand der Eindruck eines kriegsentscheidenden Triumphs sehr schnell.

Giftgas nach dem Ersten Weltkrieg

Den Kriegsverlierern Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und Türkei wurde schließlich in den Pariser Friedensverträgen untersagt giftige Kampfstoffe zu besitzen, zu importieren oder einzusetzen. Nach dem Ersten Weltkrieg einigte sich der Völkerbund in der Genfer Konvention von 1925 auf den Verzicht von Giftgas im Krieg, doch das kümmerte die internationalen Mächte und Unterzeichner wenig: Die Arsenale füllten sich inzwischen wieder mit den neuesten Innovationen der Waffentechnik. Auch die Forschung ging weiter: Oft getarnt als Weiterentwicklung von Schädlingsbekämpfungsmitteln arbeitete man in Militärlabors weiterhin an Giftgasen.

Giftgas wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzt. Einige traurige Beispiele: Zyklon B, benutzt in den KZ-Gaskammern ist ein Schädlingsbekämpfungsmittel mit dem Wirkstoff Blausäure. Das von den USA im Vietnamkrieg eingesetzte Agent Orange ist ein chemisches Entlaubungsmittel, das eingesetzt wurde um die dichte Vegetation zu lichten, jedoch die Erde vergiftete und noch heute für Erkrankungen und Missbildungen sorgt. Noch im Jahr 2013 – so bestätigten es vor kurzer Zeit Inspektoren der UN – starben in Syrien Hunderte Menschen nach dem Einsatz chemischer Waffen!

Fragen und Arbeitsaufgaben

  1. Beschreibe die Folgen des Giftgaseinsatzes auf dem Berg San Michele vom 29. Juni 1916. Warum hatten die italienischen Soldaten kaum eine Überlebenschance?
  2. Wie bewertete der deutsche  Major Graf von Pfeil und Klein-Ellguth die Resultate des Giftgaseinsatzes?
  3. Warum endete der italienische Rückzug am Fluss Piave?
  4. In welcher Lage befanden sich die „siegreichen“ österreichisch-ungarischen Soldaten?
  5. Warum befand sich Österreich-Ungarn schon im Januar 1918 wieder in einer problematischen Situation?
  6. Welchen Inhalt hatte die Genfer Konvention von 1925? Welche Folge hatte die Konvention?
  7. Giftgase wurden auch nach der Genfer Konvention eingesetzt. Welche Beispiel werden im Text genannt?
  8. INTERNET-RECHERCHE: Finde weitere Beispiele für Kriege, in denen nach 1918 Giftgase eingesetzt wurden!

 

Projekt „La Grande Guerra“; prof. Jens Kolata (LCE Uccellis), September 2014

Literaturverzeichnis:

Bönisch, Georg: „Körper im Eisenstrudel“, in: Spiegel Online, 24.09.2013
Ferguson, Niall: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999
Rauchensteiner, Manfried: „Die verpönte Waffe. Vor 90 Jahren, Ende Oktober 1917: deutsche Hilfe für Österreich-Ungarns Truppen gegen den „Erbfeind“ Italien. „Buntschießen“ am Isonzo.“, in: Die Presse, 19.10.2017
Ulrich, Dr. Bernd: Strategien und Waffen im industrialisierten Krieg, in: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155306/strategien-und-waffen-im-industrialisierten-krieg, 06.05.2013

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